Als ich im Winter 1978 geboren wurde, da war die Welt in Ordnung. Da war eine Mutter die mich hielt, ein sechzehn Jahre älterer Bruder der mich liebte – da gab es Wärme und Geborgenheit. Als drei Jahre später mein Bruder umgebracht wurde, ging die Wärme und die Geborgenheit hörte schlagartig auf. Wenn man jemanden tötet, dann tötet man auch die Eltern dieser Person und auch Angehörige. Ein Mord ist niemals eine Tat an nur einem Menschen…

Lange Zeit sagte ich mir, meine Mutter konnte nichts dafür dass sie nicht für mich da war. Sie hatte ja Trauer, sie hatte es ja schwer, sollte ich ihr einen Vorwurf machen? Nein, bislang nicht. Während der Begräbnisfeier kam es zu unglücklichen Zwischenfällen. Ein Eklat zwischen meiner Mutter und dem katholischen Priester. Ein Streit der öffentlich wurde und für welchen sich der Priester entschuldigen musste. Eine Niederlage für einen rachsüchtigen Charakter, welche dieser nicht vergessen würde…

Als ich drei Jahre später eingeschult wurde, geriet ich auf die katholische Grundschule in der alten Wipperführter Straße, die unter der Schirmherrschaft eben jener Kirchengemeinde stand, in welcher der oben genannte Priester tätig war. Lange Zeit sagte ich mir, meine Mutter war nach drei Jahren eben immer noch in Trauer – erklärte mir damit die Unvernunft mich auf eben diese Schule zu stecken…

Ich weiß noch, der erste Schultag – ich war froh in die Schule gehen zu dürfen, durfte ich doch lernen! Lesen und Schreiben konnte ich bereits, nicht dank meiner Mutter, sondern dank jener die mir immer zur Seite stehen. „Ich freue mich auf die Schule“ – glänzende Kinderaugen die der Lehrerin diesen Satz entgegenbringen. Eine gepackte Schultüte mit allerlei Leckereien an den kleinen, zerschramten Holztisch gelehnt…

Die ersten zwei Jahre waren schön. In der zweiten Klasse hieß es dass ich die Dritte wahrscheinlich überspringen würde. Ich war ja so gescheit und schlau, ohne dabei einer dieser Neunmalklugen Vorreifen zu sein. Es endete als ich dass erste Mal mit der Klasse die Kirche besuchte, welche an die Schule gebunden war. „Stellt euch vor!“ – ich wunderte mich noch warum der grauhaarige, aufmerksame Priester mich so musterte, als ich meinen Namen nannte.

Danach begann es: Rangeleien auf dem Pausenhof? Ich war Schuld! Wehrte ich mich, dann wurde ich diszipliniert. Meine Antworten während des Unterrichts waren falsch, es dauerte nicht lange bis die anderen Kinder begriffen dass sie nur nachplappern mussten was ich sagte, um gelobt zu werden. Irgendwann hielt ich den Mund – warum auch etwas sagen, wenn es doch eh falsch ist?

Wer viele Fehler macht, oder wer wegen angeblicher Fehler dauernd von den Lehrern ermahnt wird, der wird schnell zum Gespött. Auch wenn man wegen angeblichen Fehlverhaltens dauernd den Finger der Lehrerin in den Rücken gestoßen bekommt, so dass blaue Flecken entstehen, dient dies nicht gerade der allgemeinen Akzeptanz.

Irgendwann begann es in diesem zweiten Schuljahr. Man konnte mich verprügeln wie man wollte – wehrte ich mich, ging ein Lehrer dazwischen und gab mir lautstark die Schuld, auch dann wenn ich nur irgendwo saß und nichts tat. Wenn man einem Kind sagt dass es sich nicht wehren dürfe, dann hört es darauf, denn die Erwachsenen, die wissen es ja besser, und man soll die Leute ja auch wegen ihres Alters schätzen und ehren! Heute weis ich, dass Respekt etwas ist, was nur gegenseitig funktioniert, aber als Kind?

Meine Mutter? Die hatte ihre Arbeit, morgens die Eine, abends die Andere – musste ihrem verbliebenem Sohn ja ein gutes Leben ermöglichen. Lange Zeit eine Entschuldigung die ich akzeptierte. Sie tat ja so viel für mich.

Die Prügel wurden zum Alltag, die Qualität der Schläge verstärkte sich dabei. Ich weiß noch, im Juni 1985 brach ich mir, als ich vor einer Horde über die Mauer der Schule fliehen wollte und ausrutschte, den rechten Arm. Es fällt mir nicht schwer zurück zu denken und die vor Hass glitzernden Augen der anderen Kinder zu sehen. Ihre Beleidigungen zu hören und das widerliche Gefühl zu spüren, als sie mir in mein Tränenverschmiertes Gesicht spukten und mich in den Bauch traten als ich mit wehrlos am Boden lag und der Schmerz in meinem Arm brüllte…

Dass war das erste Mal dass ein Lehrer sich für mich einsetzte – klar, musste er. Es wären ja merkwürdige Fragen gestellt worden, hätte mich ein Krankenwagen abgeholt. Also verfrachtete er mich in ein Auto und fuhr mich nach Hause. Auf den Weg dorthin bläute er mir ein dass ich zu sagen hätte ich sei beim Spielen abgerutscht, würde ich es nicht machen, würde er sofort den Wagen wenden und mich wieder zur Schule bringen und meine Mutter? Die würde ich dann auch nicht mehr wiedersehen. Drohungen die bei Kindern wirken!

Aber Knochen heilen und dass Leben geht weiter. Irgendwann war ich wieder in der Schule. „Durfte“ wieder aktiv am Unterricht teilnehmen und bekam meine tägliche Dosis Spott und Schmerz auf dem Pausenhof. Zwar achteten die Lehrer jetzt etwas stärker darauf dass es nicht zu weit ging, aber Schuld hatte dennoch ich.

Es dauerte etwas mehr als zwei Wochen, da hatte mich die Rotte die mich damals über die Mauer gejagt hatte, wieder eingekesselt und zu Boden gebracht: „Ooooooh, hat das Baby einen wehen Arm?“ – ich kann mich noch gut an die süffisante und geschmeidig intonierte Stimme erinnern die der kleine Bastard an den Tag legte als er seinen „Freunden“ sagte sie sollen meinen Arm festhalten, und ich weiß heute noch wie es mir durch den Körper schoss als er mit voller Gewalt darauf trat.

Diesmal war der Bruch stärker – kein sauberer Bruch mehr, ein Splitterbruch der sich fast durch die Haut gezwungen hätte. Diesmal wurde ein Krankenwagen gerufen, nicht durch einen Lehrer, sondern weil einer der Nachbarn der Schule mich einsammelte. Und diesmal wurden Fragen gestellt – aber wem wird wohl mehr Glauben geschenkt? Einem Kind, was als „Problematisch“ gilt, oder vier Lehrern die angeblich alle dass Gleiche gesehen haben?

Selbst meine „Mutter“ setzte sich damals endlich in Bewegung und schaltete sowohl den Schulpsychologischen Dienst, als auch das kölner Schulamt ein. Es wurde sogar jemand abgestellt um dass Treiben zu beobachten – allerdings hatte der Mann keine Chance gegen die Seilschaften die zwischen Schuldirektion und Schulamt bestanden. Ebenso wenig wie eine zweite Psychologin, die dem ersten Folgte – wobei diese mir später noch einen sehr guten Dienst erweisen sollte. Ich weiß noch, Walter Blickhäuser, dass war der Name des Direktors, ein strenggläubiger guter Katholik der sich ziemlich einsetzte und mit dem es häufiger Ärger gab. Dass meine Mutter keinen Anwalt einschaltete, nun, wie gesagt, lange Zeit habe ich es damit erklärt dass sie eben viel zu tragen hatte.

Es dauerte noch anderthalb Jahre in welchen ich immer wieder bespuckt, getreten, beleidigt und ausgegrenzt wurde. Anderthalb Jahre in welchen es egal war was ich machte, ich schrieb nur schlechte Noten und brachte blaue Flecken, Quetschungen, Nasenbluten und einmal zwei Rippenbrüche mit nach Hause. Ein Geschenk eines „größeren Bruders“, nachdem ich mich gegen einen meiner Peiniger doch gewehrt hatte. Sechzehnjährige die auf Neunjährige einprügeln sind wahre Helden…

Ich weiß noch dass ich mir, als ich sechs war, bei einem Sturz an einer Glasscheibe eine Fingerkuppe abgeschnitten hatte – das war am Wiener Platz, Ecke Frankfurter Straße. Eine Einkaufspassage, auch damals schon. Gott, ich hab geblutet wie abgeschlachtet, bin an verschiedenen Geschäften und einer Apotheke vorbeigeschlichen. Warum diese Erinnerung? Weil sie mich wichtig ist. Es hat bis zur Ecke Graf-Adolf-Straße gedauert bis ich an einem Müllwagen vorbeischlich. Da war ein älterer türkischer Müllmann, der half, der hatte mir einen Verband angelegt und dafür gesorgt dass ein Krankenwagen kam und mich mitnahm.

Stell dir vor, da läuft ein Kind, weinend und blutend über eine viel befahrene und belaufene Straße und unzählige Leute gehen dumm stierend daran vorbei, verziehen vielleicht mal kurz dass Gesicht. Nicht einer der auf die Idee kommt zu helfen! Ein Sechsjähriger, der kann auf offener Straße verbluten und ich glaube es hat sich bis heute nichts geändert!

Nun, in der gesamten Zeit flehte ich zu Gott er solle mir doch entweder einen Freund schenken, oder meiner Existenz ein Ende setzen. Mit Neun begriff ich dass Gott Kindern nicht zuhört und ich war gewillt mir meine Wünsche selbst zu erfüllen. Ich glaube es interessierte Niemanden als ich in Mülheim auf der Brücke stand und weinend in den Rhein blickte. Ebenso wie es niemanden interessierte als ich später in Stammheim wach wurde und mich nass und frierend aufs Ufer gezogen hatte. Weder Gott, noch die Menschen scheren sich wirklich um Kinder, geschweige denn umeinander. Das war, was ich damals begriff.

Ich begriff es, als ich im Herbst zitternd an diesem verdammten Stammheimer Ufer saß und mir eine richtig üble Lungenentzündung einhandelte, während auch hier Passanten an mir vorbeiliefen. Das war übrigens alles was bei meinem genialen Selbstmordversuch rauskam. Eine Lungenentzündung und die Erkenntnis dass ich den Leuten egal bin…

Das letzte Halbjahr meiner Grundschulzeit kam ich auf eine andere Schule. Seltsam, ich machte dort relativ gute Noten, auch wenn ich ein Eigenbrötler geworden war und mich in den Pausen meist versteckte. Ich brachte dass Halbjahr recht gut über die Runden und sah mich der Umschulung gegenübergestellt…

Ich wurde geprüft – diese kleinen IQ Tests, welche damals so beliebt waren, wurden mit mir gemacht. Die Fähigkeit inwieweit ich im Stande war abstrakt zu denken, wie stark meine Kreativität ausgeprägt war – eben die Dinge die für eine Umschulung „wichtig“ sind. Die beiden jungen Frauen welche diese Prüfung durchführten, waren hellauf begeistert und attestierten mir die Eignung auf ein naturwissenschaftliches Gymnasium zu gehen – trotz all des Mistes und der Versäumnisse die ich bis dahin hinter mich gebracht hatte.

Aber was zählt dass Urteil zweier vielleicht Mitzwanziger Psychologen, gegen jenes eines alten, verdienten Schuldirektors und seiner guten Kontakte?
Nichts! Später lernte ich den Begriff Seilschaften kennen – Grundlage für die größten und ekelerrengensten Probleme in unserer Welt.

Seine Empfehlung war mich auf eine Sonderschule für schwer Erziehbare zu stecken. Damals auch geläufig unter dem Begriff „Dummschule“. Das war dass erste Mal dass meine Mutter anfing zu kämpfen. Im Nachhinein weiß ich dass sie es tat, weil es sie in ihrer „Ehre“ getroffen hätte, wäre ein Kind von ihr auf einer solchen Schule gelandet. Die Anwältin sagte zwar dass wir gute Aussichten hätten, aber bis dass Schulamt sich gedreht hatte, wäre zu viel Zeit vergangen, so dass es unsinnig war sich zu wehren…

Ein Umzug weg von Köln, kam für meine Mutter nicht in Frage – also schaltete sie dass Jugendamt ein, welches dafür sorgte dass ich in ein Heilpädagogisches Kinderheim kam. Nach Erklärung des Jugendamtes sollte der Aufenthalt dort mir dabei helfen meine Verletzungen zu überwinden und wieder in ein normales Leben zu finden. Ich frage mich bis heute ob die Verantwortlichen sich nur an den Papieren des Heimes orientierten, oder ob sie sich einmal diesen Scheißladen wirklich selbst angesehen hatten! Wahrscheinlich nicht, denn von Köln bis Eitorf waren es immerhin rund sechzig Kilometer. Viel zu weit, als dass man mal eben dorthin fährt…

Da war Rainer, sechzehn Jahre alt – in der Gegend bekannt und beliebt dafür dass er immer vor Ort war. Meist dann wenn die Besitzer freistehender Häuser nicht selber vor Ort waren. Was solls, er besserte sich eben sein Taschengeld ein wenig auf, wenn mal ein Fenster aufstand. Und da war Kalle – Karl-Heinz. Der Einzige der sich Haustiere halten durfte. Kleine Hamster, niedliche Dinger die Abends anfingen in ihrem Laufrad munter ein paar Runden zu drehen. Es musste ihn wohl genervt haben, denn wie sonst sollte man erklären dass eines Morgens eine der Erzieherinnen die Viecher mit Dartpfeilen in ihren Körpern fand?

Da war Bettina, die gerne Schminke im Schlecker klaute und die sich mit zwölf häufiger Abends aus der Gruppe stahl und die immer irgendwo einen Fünfziger oder Hunderter her hatte. Und Mark, der gerne hinter den Kleineren aus der Gruppe her war, weil sie so schöne, weiche Hintern hatten. Er hatte es auch mal bei mir versucht – ich schätze er wird heute noch einen Gehstock brauchen und Schwierigkeiten mit seinem Knie haben…

Auf der anderen Seite waren da die Erzieher – pardon, Pädagogen! Peter, der gerne nach Holland fuhr und der seine „Zigaretten“, die etwas komisch rochen, hin und wieder mit Rainer teilte. Oder Monika, süßer Hintern – dass ist mir in Erinnerung geblieben – die Jazz liebte und es mochte wenn wir alle die Klappe hielten, während sie in ihrem Zimmer saß und sich mit einer Flasche Remy Martin und einem Album von Joe Cocker ablenkte. Sie war es übrigens auch die einen spitzen Schrei ausstieß als sie die Hamster von Karl-Heinz fand…

Und da gab es noch Ernst. Ein älterer Mann der kurz vor der Pensionierung stand und der aus dem Osten gekommen war. Das war der Vernünftigste von allen – er hatte mir damals die Begeisterung fürs Paddeln beigebracht, dass Einzig Gute an was ich mich von damals erinnern kann.

Naja, ich machte in dieser illustren Runde ein halbes Jahr mein Gastspiel, danach hielt ich es zwischen diesen doch größtenteils Verrückten nicht mehr aus und lief weg. Ausschlaggebend war eine Medikamentenvergiftung, nachdem ich erneut versucht hatte meinen Kummer zu beenden. Dummerweise kannte ich nur den Weg über die Autobahn, Geld für eine Fahrkarte hatte ich nicht und weil ich Angst hatte schwarzfahrend erwischt zu werden, ging ich meinen Weg. Schon verrückt wenn ich heute drüber nachdenke…

In der Höhe Troisdorf wurde ich schließlich von der Autobahnpolizei aufgegriffen, die meine Mutter verständigte. Von jener Polizei ging dann auch der Impuls aus welcher dazu führte dass meine Mutter mich aus diesem Heim genommen und wieder nach Hause geholt hatte. Dass Problem bei der Sache, wirklich lernen konnte ich in diesem Umfeld auch nicht, außerdem litt ich mittlerweile unter einer ziemlichen Phobie, wenn es um Schule und den Kontakt zu anderen Kindern ging.

Meine schulischen Erfolge tendierten damals so bei … Null.

Über kurz oder lang landete ich also auf einer Schule hier in Köln, an welcher man Kindern mit Problemen helfen sollte – so jedenfalls dass offizielle Selbstverständnis solcher Einrichtungen. Man sollte meinen dass die Lehrer, die sich auf solchen Schulen befinden, darin geschult wären auf Kinder und deren Probleme einzugehen. Ich machte die persönliche Erfahrung dass dies nicht der Fall ist. In der Theorie mag es so sein, aber in der Praxis können Lehrer nicht die Versäumnisse der elterlichen Erziehung aufholen. Und die gab es dort bei den meisten Kindern.

Bis zum achten Schuljahr machte ich den Spaß mit. Ging Schlägerein so gut es möglich war aus dem Weg und hielt mich von den Anderen zurück. Ich hatte keine Lust darauf klauen zu gehen, alte Leute zu belästigen oder irgendwelchen „Mädchen“ hinterherzubrüllen und mich wie ein Affe zu benehmen.

Klasse acht und neun verbrachte ich Größtenteils in Büchereien, oder drückte mich in Museen herum, was mir gelang da meine Mutter dort in Position im Wachdienst tätig war und ich quasi überall kostenlos Zugang erhielt. Ich unterhielt mich viel mit jenen Leuten die dort Führungen veranstalteten, oder die eher im Hintergrund arbeiteten, und lernte so doch etwas mehr als ich in dieser Dummschule – ein passendes Wort! – je hätte lernen können.

Dass bisschen Englisch was ich heute spreche, habe ich mir aus Büchern angeeignet, ebenso wie den Rest – lange Zeit habe ich mich dafür geschämt, aber mittlerweile bin ich sogar ein wenig Stolz darauf. Denn es ist etwas dass ich mir selbst erarbeitet habe.

Als das letzte Schuljahr anfing, teilte meine Klassenlehrerin mir mit dass es egal wäre was ich machen würde, unter ihr würde ich niemals den Abschluss schaffen. Ich schätze sie hat es nicht überwunden dass ich sie einmal vor der gesamten Klasse vorgeführt hatte, als ich für einen Fehler in einer Aufgabe gerade stehen sollte, welchen sie zu verantworten hatte. Für mich war dies Grund genug gar nicht mehr zur Schule zu gehen. Warum auch? Um mich einerseits mit diese asozialen und gewaltbereiten Idioten herumzuärgern und dann auch noch für die Fehler des Lehrkörpers geradezustehen?? Ich teilte ihr dies, ebenso freundlich wie sie mir ihre Entscheidung mitgeteilt hatte, mit und sagte ihr dass ich meinen Abschluss eben auf der Volkshochschule nachholen würde.

Mir ist noch ihr dämliches Lachen im Gedächtnis: „Du? Dass wirst du niemals schaffen, denn du bist ein Verlierer!“. Sie irrte. Ich habe mich nicht sonderlich angestrengt und war alles andere als begeistert dort ein weiteres Jahr in der Schule zu verbringen, aber damals dachte ich dass ein Hauptschulabschluss etwas sei, dass einen gewissen Wert hätte. Hat er aber nicht in unserer  papierhörigen Gesellschaft…

Die Lehrerin aus der VHS drängte mich zwar dass Abitur zu machen, da mein Notendurchschnitt dafür ausreichend war, aber ich wollte nicht. Lieber schaute ich mich nach einer Lehrstelle um. Ich wollte Metallbauer werden, weil ich Metalle und ihre Eigenheiten liebe. Kurz bevor die Ausbildung begann wurde mir, und anderen natürlich auch, mitgeteilt dass das Unternehmen Konkurs angemeldet hatte. Und so hatte sich auch eine Ausbildung ergeben…

Nur mit einem Hauptschulabschluss irrst du hilflos durch die Arbeitswelt. Hier nicht qualifiziert genug, dort ungeeignet, immer für einen Hungerlohn arbeitend und jederzeit bequem austauschbar. Es ist schön zu hören wenn ich etwas geschaffen habe, dass es ganz toll ist, aber dass bringt mir nichts – mein ganzes Wissen ist quasi nutzlos für mich.

Damals war ich noch in einer Verfassung die man getrost als „am Boden“ bezeichnen kann – zu diesem Zeitpunkt eigentlich der einzige rote Faden in meinem Leben. Keine Chance, keine Hoffnung, keine Zukunft, Selbstvorwürfe weil man mir eingebläut hatte dass ich selber Schuld sei und eine Vergangenheit die mich, selbst heute noch, Nachts manchmal weinend wachwerden lässt.

Ich informierte mich, machte mich schlau über dass was damals geschehen war. Warum es geschehen war, und so hat sich nach und nach ein Bild ergeben welches den Zorn in mir hochtrieb. Durch einen Zufall begegnete ich, als ich achtzehn war, jener zweiten Psychologin, welche damals an der Grundschule auf meinen Fall angesetzt worden war. Sie war zwischenzeitlich pensioniert worden und sprach offen mit mir. Es dauerte und sie nahm sich Zeit um mit mir über wirklich alles zu Reden. Ein knappes halbes Jahr war ich Tag um Tag bei ihr, und dass was ich selber schon wusste wurde durch ihre Informationen abgerundet…

Zwei Selbstmordversuche, den ersten mit Neun, den zweiten mit Zwölf. Ein Leben dass im Eimer scheint, dass Gefühl alleine und verlassen zu sein und noch einige Punkte mehr die mir mein Leben verhagelten – alles was ich wollte war den Beiden Hauptverantwortlichen meinen Dank zu geben. Ich besorgte mir eine Waffe und wollte allem ein Ende setzen. Erst diesen beiden Hauptverantwortlichen, danach mir selbst. Diesmal mit Erfolg.

So dachte ich…

Als ich mich nach dem Rektor informierte, stellte sich heraus dass dieser zwischenzeitlich an Krebs gestorben war. Ein schweres Schicksal für diesen alten Mann an welchen ich heute noch erinnert werde, wenn ich hier in Köln an einer Sportanlage vorbeigehe die seinen Namen trägt – Ehre wem Ehre gebührt? Von Wegen!

Einerlei, blieb noch der Priester – und der lebte noch!

Als ich vor ihm stand, die Waffe in der Jackentasche verborgen, wurde es mir schlecht. Ein zusammengesunkener alter Mann, an den Rollstuhl gefesselt, unfähig etwas zu sagen, Taub und Blind, ein Beutel Pisse der durch einen Schlauch gefüllt wurde – was sollte ich da bestrafen? Es wäre eine Erlösung gewesen, und Gnade hatte dieser Mensch nicht verdient – obwohl, später tat er mir leid.

So saß ich am Abend dieses Tages am Ufer des Rheins, sah auf die Wellen die mich ausgespuckt hatten, dachte an die Aufenthalte im Krankenhaus, wie es war als man meine Knochen brach, wie es war als ich am Ufer aufwachte oder als man mir den Magen ausgepumpt hatte und stellte mir vor wie es sein möge jetzt die Waffe ans Kinn zu setzen und abzudrücken. Ein Knall, vielleicht ein kurzer Schmerz vielleicht und dann? Vielleicht alles, vielleicht nichts. Wer weis zu sagen was nach dem Leben kommt?

Aber verdammt! Hatten die beiden Hauptverantwortliche nicht ihre Strafe erhalten? Gab es da nicht doch eine höhere Gerechtigkeit? Sollte ich dieser Gerechtigkeit jetzt in den Rücken fallen und alles hinwerfen? Nur wegen der Erinnerung?? Ich habe es nicht getan – die Waffe, eine alte P98, liegt irgendwo am Boden des Rheins. Dort wo sie niemandem mehr gefährlich wird, dürfte sie mittlerweile von Rost zerfressen und nutzlos sein…

Ich bin einigen Geschichten nachgegangen, eben von jenen Menschen die es mir wirklich schwer machten: Der Bursche der mir auf den Arm trat, Mark der sich an den Kleineren verging, Kalle, der seine Hamster tötete – sie alle haben “Ihren” Weg gemacht, und bei jenen, deren Schicksale ich verfolgen konnte, ist eines phänomenal: Sie haben ihre Strafen erhalten. Es gab in jedem Fall eine ausgleichende Gerechtigkeit!

Ich trug lange Zeit schwere Selbstvorwürfe mit mir herum. Quälte mich Tagein, Tagaus damit mir vorzuwerfen dass ich an der ganzen Misere Schuld sei, aber ich war es nicht. Logisch, und durch die Aussagen der Psychologin und dem was ich selbst nach und nach recherchierte, wusste ich dass dem nicht so war. Aber die Logik kommt eben gegen dass emotionale Empfinden nicht immer an – dafür braucht es Zeit. Zeit und die Fähigkeit sich mit sich selbst zu befassen.

Wir sind nicht immer unseres Schicksal Schmied, insbesondere wenn es um die Grundlagen geht – die ersten Erfahrungen und Chancen die einem im Leben gegeben werden. Aber wir sind später durchaus selbst für dass Verantwortlich was wir aus uns machen! Ich könnte mich zurücklehnen, mir sagen dass Leben ist Scheiße, aber dann würde ich mein Leben verschwenden und die Beiden Mistkerle hätten gewonnen…

Bis heute bin ich, im regulären Berufsleben, ersetzbar geblieben – egal welchen Job ich hatte, egal wie ich mich dafür aufgerieben hatte. Und wenn ich mich heute bewerbe, dann wird gefragt, was haben sie gelernt, was haben sie erreicht, was sind denn sie schon? Natürlich, in den Gesprächen, da wird es freundlicher formliert. Da heisst es dann zwar dass die Art der Bewerbung Eindruck gemacht hätte, man jedoch kleider dem Firmen- oder Unternehmensprofil nicht entsprechen würde. Es ist übrigens Egal wie alt, oder jung man ist. Ein Grund lässt sich meistens finden: Zu Jung, zu Alt, zu Unerfahren, zu Qualifiziert, zu Unqualifiziert, etc. Allerdings macht mir mittlerweile auch die Gesundheit in vielen Fällen einen Strich durch die Rechnung…

Aber dass ist jener Teil, der zu meinem aktuellen Leben gehört – wenn du noch willst, hier geht es weiter: Ein Lebensweg – die Gegenwart